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Moderates Risikoprofil – Besondere Vorsicht geboten

Ketamin

2-(2-Chlorphenyl)-2-(methylamino)cyclohexanon

Moderates Risiko
Starke Evidenz
Dissoziativum
Dissoziativum
NMDA-Antagonist
Analgetikum

Kurzfazit

Ketamin ist ein klinisch etabliertes AnÀsthetikum mit bemerkenswerter rapid-antidepressiver Wirkung. Das S-Enantiomer (Esketamin) ist als Nasenspray zur Behandlung therapieresistenter Depressionen zugelassen.

Was ist Ketamin?

Ketamin ist ein Arylcyclohexylamin, das 1962 von Calvin Stevens synthetisiert und 1970 als AnÀsthetikum zugelassen wurde. Es ist ein dissoziatives AnÀsthetikum, das in subanÀsthetischen Konzentrationen antidepressive, analgetische und psychoaktive Eigenschaften aufweist. Ketamin existiert als Racemat aus S- und R-Enantiomeren.

Chemische Struktur / Klasse

Ketamin gehört zur Klasse der Arylcyclohexylamine und ist strukturell mit PCP (Phencyclidin) verwandt. Es besitzt ein chirales Zentrum und liegt als Racemat vor. Die MolekĂŒlformel lautet C₁₃H₁₆ClNO. Das S-Enantiomer zeigt eine etwa vierfach höhere AffinitĂ€t zum NMDA-Rezeptor.

Wirkmechanismus

Ketamin wirkt primĂ€r als nicht-kompetitiver Antagonist am NMDA-Rezeptor (Glutamat-System). Es blockiert den Ionenkanal im offenen Zustand. Die antidepressive Wirkung wird auf eine nachfolgende Aktivierung von AMPA-Rezeptoren und eine erhöhte BDNF-Expression (Brain-Derived Neurotrophic Factor) zurĂŒckgefĂŒhrt, was synaptische PlastizitĂ€t fördert.

Rezeptorprofil

  • NMDA-Rezeptor: Hohe AffinitĂ€t (nicht-kompetitiver Antagonist)
  • Opioid-Rezeptoren (”, Îș): Moderate AffinitĂ€t
  • Sigma-Rezeptoren: Moderate AffinitĂ€t
  • D2-Rezeptoren: Geringe AffinitĂ€t
  • HCN1-KanĂ€le: Modulatorische Wirkung
  • Monoamin-Transporter: Schwache Wiederaufnahmehemmung

Wirkprofil

In subanĂ€sthetischen Bereichen erzeugt Ketamin dissoziative Effekte, einschließlich eines GefĂŒhls der Trennung von Körper und Umgebung. Weitere Effekte umfassen verĂ€nderte Raum- und Zeitwahrnehmung, analgetische Eigenschaften und eine rapid-antidepressive Wirkung. In höheren Konzentrationen wird ein Zustand vollstĂ€ndiger Dissoziation beschrieben.

Risiken & Nebenwirkungen

  • Urologische SchĂ€den: Chronischer Gebrauch kann zu Ketamin-induzierter Zystitis fĂŒhren
  • Kognitive BeeintrĂ€chtigung: Bei chronischem Gebrauch möglich
  • AbhĂ€ngigkeitspotenzial: Psychische AbhĂ€ngigkeit möglich
  • LebertoxizitĂ€t: Bei chronischem Hochdosisgebrauch berichtet
  • KardiovaskulĂ€re Effekte: Blutdruckanstieg, Tachykardie
  • Laryngospasmus: Seltenes Risiko bei höheren Konzentrationen

Interaktionen

  • ZNS-Depressoren: Additive sedierende Wirkung, Atemdepression
  • Benzodiazepine: VerstĂ€rkte Sedierung
  • MAO-Hemmer: Potenziell erhöhte Plasmaspiegel
  • Lamotrigin: Kann antidepressive Wirkung abschwĂ€chen

Kreuztoleranz

Es besteht eine Kreuztoleranz zwischen Ketamin und anderen NMDA-Antagonisten wie MXE, DXM und PCP. Die Toleranz entwickelt sich bei regelmĂ€ĂŸigem Gebrauch und kann zu einer Dosissteigerung fĂŒhren.

Rechtsstatus

Ketamin ist in Deutschland als verkehrsfĂ€higes und verschreibungsfĂ€higes BetĂ€ubungsmittel eingestuft (BtMG Anlage III). Es ist als Arzneimittel zugelassen. Esketamin (SpravatoÂź) ist fĂŒr therapieresistente Depression zugelassen. Dieser Abschnitt dient nur der Information und stellt keine Rechtsberatung dar.

Quellenlage

Die Evidenzlage ist stark. Zahlreiche RCTs und Metaanalysen belegen die rapid-antidepressive Wirkung. Publikationen in American Journal of Psychiatry, Lancet Psychiatry und Biological Psychiatry.

Quellen

  1. A Randomized Trial of an N-Methyl-d-Aspartate Antagonist in Treatment-Resistant Major Depression — Zarate CA et al. Archives of General Psychiatry (2006) DOI: 10.1001/archpsyc.63.8.856
  2. Ketamine and Beyond: Investigations into the Disconnect Between Mechanism and Treatment — Zanos P, Gould TD Pharmacological Reviews (2018) DOI: 10.1124/pr.117.015198
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