Redaktioneller Hinweis
Dokumentation — keine Anleitung. Dieser Bericht schildert ein extremes und potenziell lebensbedrohliches Selbstexperiment. Er wird hier ausschließlich aus dokumentarischen Gründen und im Sinne der Schadensminimierung veröffentlicht. Konkrete Zubereitungsdetails und exakte Dosierungen wurden bewusst entfernt. Jeder Nachahmungsversuch kann tödlich enden. Wer sich in einer psychischen Krisensituation befindet, sollte umgehend professionelle Hilfe aufsuchen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (DE, kostenlos, 24/7).
Überblick
Überblick
- Typ der Erfahrung
- Extremes Delirium · vollständiger Realitätsverlust · Polydrug-Kombination
- Dauer
- Freitag bis Montag (ca. 4 Tage, teils bewusstlos)
- Zentrale Themen
- Parallelwelten · Identitätsverlust · Zeitdilatation · Zweites Leben · Trauer über die Rückkehr
- Risikoprofil
- Extrem hoch — hochgiftige Pflanzen, keine Supervision, impulsive Nachdosierung
- Nachwirkungen
- Tagelang anhaltende Halluzinationen, anhaltendes Misstrauen gegenüber der Realität
Freitag — Vorbereitung
10 Uhr morgens. Gemischte Gefühle füllen meinen Magen. Auf der einen Seite bin ich froh, dass es endlich soweit ist und mein Experiment beginnen kann. Auf der anderen Seite bin ich verunsichert — kein Tripsitter ließ sich finden. Niemand hatte sich bereit erklärt, bei einer potentiell tödlichen Reise dabei zu sein.
Ich beginne den Tag mit einer halben Stunde Meditation vor meinem Haustempel. Ich stärke meinen Geist, führe einige Übungen aus und esse Reisbälle — die, so weiß ich, wohlmöglich letzte Mahlzeit für mehrere Tage.
Am frühen Nachmittag braue ich den Trank. Die finale Kräutermischung besteht aus verschiedenen stark wirksamen und teils hochgiftigen Pflanzen. Ich verzichte hier bewusst auf jede Mengenangabe — die konsumierten Dosen wären für eine Person ohne jahrelange Toleranzentwicklung potenziell tödlich.
Bitte konsumiere auf keinen Fall auch nur eine dieser Pflanzen in geringster Menge. Ich rate dringend von jeglichen Nachahmversuchen ab.
Gegen 15 Uhr ist die Mischung fertig. Trotz der Absage meines Tripsitters habe ich einen extrem potenten Trank gebraut. Ich beginne mit den Sicherheitsvorkehrungen: Alle Messer werden aus der Wohnung entfernt, tödliche Gifte in den Giftschrank eingeschlossen, Blätter und Schreibminen in der gesamten Wohnung verteilt, zwei Kameras versteckt aufgestellt. Notfallmaßnahmen werden bereitgelegt — deren praktischer Nutzen ohne Tripsitter allerdings stark eingeschränkt ist.
Ich warte auf den Sonnenuntergang.
Der Einstieg
17 Uhr. Ich beginne, über einen Zeitraum von dreißig Minuten eine hohe Dosis psilocybinhaltiger Trüffel zu essen. Danach rauche ich ein wenig und meditiere. Da ich mit meiner Gefühlslage unzufrieden bin, höre ich ruhige Musik und schaue in einen Film hinein, von dem ich weiß, dass er positive Gefühle auslöst.
Nach etwa einer halben Stunde flutet die Wirkung an. Das schöne Gefühl wird zu einem Gefühl grenzenloser Liebe und grenzenlosen Wohlbefindens. Ich lege mich hin und schaue an die Decke — auf ein großes Poster einer jungen Frau im Kimono.
Sie beginnt zu leben. Zunächst abgehackt, dann immer flüssiger. Sie schaut mir in die Augen, lächelt mich an, streckt irgendwann die Hand nach mir aus — obwohl das Bild nur ihren Kopf zeigt. Das Zimmer wird immer bunter. Alle Poster beginnen sich zu bewegen.
Dann fällt mir eine Fliege auf. Ich bin sicher, keine Fliegen im Zimmer zu haben. Ich versuche sie zu fangen und stelle fest: Halluzination. Ich notiere die Feststellung und erinnere mich daran, dass ich keinen Spaßtrip machen, sondern eine Reise ins Ungewisse antreten will.
Die Eskalation
Auf dem Weg in die Küche bestaune ich die Farben und Muster auf den Wänden. Die Intensität wächst mit jedem Augenblick. In der Küche angekommen, überfällt mich der Wunsch, die Dosis zu erhöhen — die Befürchtung, eine lange Traumreise könnte ausbleiben, ist stärker als die Vernunft.
Der Schlüssel zum Giftschrank ist nicht mehr in der Wohnung. Also kommt mir eine andere Idee: LSD. Was würde LSD mit einem Nachtschattentrip machen?
Ich gehe zu meinem Versteck. Eine kleine Spritze mit flüssigem LSD. Ich überlege, nehme einen Tropfen. Lege die Spritze weg. Nehme einen zweiten. Einen dritten. Beim vierten Mal spritze ich mir, freudig erregt, den gesamten restlichen Inhalt in den Rachen.
In dem Moment kam mir kurzzeitig in den Kopf, dass ich es wahrscheinlich übertrieben habe. Doch mein Wille war zu groß.
Ich spreche in die Videokamera, dokumentiere was ich konsumiert habe. Es fällt mir bereits schwer, die Kontrolle über den Trip zu behalten.
Aus den Videoaufnahmen
Die folgenden Passagen wurden von den versteckten Kameras aufgezeichnet. Der Wortlaut ist exakt übernommen.
Botschaft 1: „Memo an mich selbst. Habe eingenommen 100 g Trüffel, 4 verschiedene Sorten. Starke visuals, Bilder bewegen sich, überall bunte Farben, teilweise farbige Flächen und Wände. Habe gelegentlich Probleme, Kontrolle zu behalten. Was wollte ich noch mal sagen? Denk nach, denk nach, ah, ja stimmt, sorry. Habe teilweise Probleme Kontrolle zu behalten, Vergesslichkeit macht sich leicht breit."
Botschaft 2: „Es ist nun 18.32 Uhr, erst 20 Minuten sind seit Wirkungseintritt vergangen, doch es kommt mir vor wie eine Ewigkeit."
Botschaft 4 — die letzte: „Ich merke erste Halluzinationen und merke wie das LSD langsam anfängt zu wirken, extrem schnell. Es wird schwer nicht die Kontrolle zu verlieren, ich höre Stimmen, ich drifte ab und rede mit jemandem, der nicht da ist. Erste Insekten, Heuschrecken tauchen vereinzelt auf, bin zeitweise verwirrt. Ich glaube diese Reise nimmt kein gutes Ende, überlege Notarzt zu rufen, merke wie Zeit und Raum sich langsam auflösen. Ich spüre wie ich schwerer werde, meine Beine hören auf mich zu halten, werde bewusstlos, darf noch nicht zusammenbrechen, muss ins Bett."
Der Fall in die Leere
Unter höchster Anstrengung schleppe ich mich in mein Zimmer. Schließe von innen ab. Werfe den Schlüssel weg, um zu verhindern, dass ich ihn während eines möglichen Wahns finde. Dann lasse ich mich gleiten. Die Bewusstlosigkeit nimmt mich.
Zunächst wird alles schwarz. Dann bunt. Dann wieder schwarz.
Ich falle durch Raum und Zeit. Überall strahlende Farben, als würde ich durch Dimensionen reisen. Gemütstechnisch habe ich keine Angst — ich bin fasziniert. Dann beginne ich mir Fragen zu stellen. Wer bin ich? Was bin ich? Was ist der Sinn von Leben und Tod?
So falle ich in die Leere, als würde ich von einem schwarzen Loch angezogen. Alleine in der Dunkelheit, immer weiter, ohne Ende. Alles um mich herum hat sich aufgelöst. Es gibt nichts mehr — nur mich. Kein Körper. Nur ein Bewusstsein, ein einsames Bewusstsein inmitten grenzenloser Leere.
Würde man im Körper eines anderen Ichs weiterexistieren? Würde man zu „nichts" werden? Was ist das Nichts? Sind alle anderen Ichs eines Menschen ebenfalls Menschen — oder möglicherweise andere Lebewesen, andere Entitäten?
Ich grüble über die Geheimnisse des Universums. Für eine gefühlte Ewigkeit. Komme zu dem Schluss, dass es Multiversen gebe und verschiedene Formen des Ichs.
Was passiert denn nun wenn man stirbt? Bin ich vielleicht schon tot? Ist das hier das Jenseits?
Dann höre ich auf, in der Leere zu existieren — und beginne wieder zu fallen. Immer schneller.
Scheinbares Erwachen
Plötzlich: mein Zimmer. Ich liege im Bett. Das Poster ist wieder ein Poster. Anscheinend war ich bewusstlos. Ich setze mich auf, schaue am PC nach: Welches Jahr? Welcher Tag? Wie spät?
21 Uhr.
Etwas stimmt nicht. Es kann nicht 21 Uhr sein — schließlich bin ich klar. Keine Halluzinationen, keine Vergesslichkeit. Ist die Wirkung wirklich vorbei?
Dann breitet sich eine emotionale Leere aus. Nicht optisch — emotional. Immer größer, immer erdrückender. Alles wird kälter. Glück, Liebe, Neugier — alles weicht Leere, Kälte, Sinnlosigkeit. Es ist, als würde mein Zimmer zerbersten.
Ich versuche das Blatt zu wenden. Setze mich auf den Fußboden und meditiere in dieser unwirklichen Atmosphäre. Bete vor mich hin.
Im nächsten Moment wache ich wieder auf.
Das Erwachen in der Bosch-Welt
Diesmal wache ich wirklich auf. Noch klar — vorübergehend.
Zuerst der Schock: starke Schmerzen, ein Kribbeln überall, beeinträchtigte Atmung. Ein Brennen, als würde ich von innen verbrennen. Meine Haut sieht alt aus, gebrechlich. Ich liege flach wie ein Brett, unwillig mich zu bewegen.
Was ich dann sehe, würde Seiten füllen.
Die Wände sind rot, grün, lila, pink, orange — alle möglichen Farben plus Farben, die ich nicht benennen kann. Göttliche Musik erklingt, nicht meine. Alle Wände pulsieren. Gelegentlich erscheinen Schriften an den Wänden: mal in Bunt „LSD", mal ganze Romane. Lichtverhältnisse ändern sich ständig — mal dunkel, mal hell, Lichtstrahlen und Laser gehen durch die Luft.
Heuschreckenschwärme. Schluchten im Boden, durch die riesige Ameisenscharen rennen. Spinnen.
Und dann: die Zwerge.
Überall kleine Menschen und Zwerge, die im Raum omnipräsent scheinen. Ein regelrechtes Gewusel. An meiner linken Wand sind riesige Gerüste, auf denen sich die Zwerge in die Wand graben — samt Minenbahn und Schienen. Irgendwann entsteht eine Eisenbahn aus dem Nichts und fährt durchs Zimmer.
Es sah aus wie ein Hieronymus-Bosch-Gemälde — mit der Logik und Normalität eines solchen. Nur dass das LSD für eine wahnsinnige Farbenvielfalt sorgte und die Halluzinationen nicht nur bunt angemalt erschienen, sondern strahlten, blinkten, leuchteten.

Visuelle Referenz: Hieronymus Bosch, „Die Versuchung des heiligen Antonius" (Mitteltafel, ca. 1501) — im Bericht als Annäherung an die surreale, überfüllte Wahrnehmungswelt der Halluzinationen erwähnt. Gemeinfrei via Wikimedia Commons.
Die Quest durch die Wohnung
Ich will zu meiner Pfeife, um die Schmerzen zu lindern. Aber mein Körper ist fast vollständig gelähmt. Nur meine Hände kann ich mit Mühe bewegen. Also schiebe und ziehe ich mich durchs Zimmer — wie eine Schnecke, peinlich genau darauf achtend, keine Zwerge oder Kobolde zu verletzen.
Denn inzwischen halte ich alles für real. Ich weiß, dass ich etwas genommen habe — aber ich glaube, dank der Mischung in einer Parallelwelt gelandet zu sein. Wenn ich hier jemanden verletze, würde ich dem Wesen wirklich schaden. Gelegentlich maulen mich die Zwerge an, ich stünde im Weg. Ich entschuldige mich.
Aber zuerst muss ich aus dem Zimmer. Ich habe den Schlüssel weggeworfen. Also starte ich eine Art epische Quest, den Schlüssel zu finden.
Die Realität hat sich aufgelöst, ist weggegangen, hat sich verabschiedet. Machte Urlaub, zusammen mit der Logik, Hand in Hand.
Ich wende mich an die Zwerge um Hilfe. Finde Schlüssel, aber keiner passt. Die Schlüssel, die nicht passen, stapeln sich — je mehr ich benutze, desto mehr erscheinen. Irgendwann dann einer, der passt.
Im Badezimmer erschrecke ich mich beinahe zu Tode: eine Giftschlange direkt vor mir. Ich rette mich auf den Rand der Badewanne. Schaue hinein — ein Krokodil. Panik. Ich schiebe mich aus dem Bad und schlage die Tür zu.
Auf dem Weg zur Küche entdecke ich meine Dinosaurier-Modellbaulandschaft — daraus ist ein Miniatur-Jurassic-Park entstanden. Die Dinosaurier jagen und fressen sich gegenseitig. Ich krieche näher und beobachte sie eine halbe Ewigkeit. Mit der Zeit werden auch sie bunt, als ginge ein unsichtbarer Pinsel durch den Raum.
Die Küche dann: Enttäuschung. Stinknormal. Ich denke, die Reise sei vorbei.
Ich schleppe mich zur Kamera. Für die folgenden Sätze brauche ich 31 Minuten:
„Ich glaube, es gibt verschiedene Realitäten. Ich weiß es. Ich bin in einer anderen Welt, ich habe es herausgefunden. Wenn ich in der einen Realität dies bin, bin ich in der anderen Realität das, parallel, zeitgleich. Ich habe erkannt, ein Magier zu sein. Ich kann zaubern. Sehet her."
Ich bilde mir ein, meine Hand altert und wird wieder jung. Ich unterhalte mich mit einer Freundin, die nicht da ist.
Dann werde ich schwerer. Die Welt bricht zusammen. Filmriss. Die Kameras zeigen, dass ich in mein Bett krieche und bewusstlos werde.
Die Eiswelt und das zweite Leben
Was folgt, ist das intensivste Erlebnis meines Lebens.
Als ich zu Bewusstsein komme, bin ich an einem anderen Ort. Nicht in meinem Zimmer. Nicht in meiner Wohnung. Ich befinde mich in einer riesigen, unwirklichen Eiswüste — Berge und Wälder, so weit das Auge reicht.
Ich irre umher. Über Berge, durch Wälder. Ohne Ziel. Ohne zu wissen, wer ich bin. Ich habe es komplett vergessen — meinen Namen, meine Vergangenheit, alles.
Dazu eine grenzenlose Kälte. Um nicht zu erfrieren, mache ich nachts Feuer. Ich irre durch die mit Schnee bedeckten Wälder, zunächst ohne Ziel, dann auf der Suche nach Essen.
Es war so kalt, so unermesslich kalt. Es ist unmöglich, es in Worte zu fassen.
Nach Tagen bricht ein Schneesturm herein. Ich schleppe mich durch den Sturm, suche einen Unterschlupf. Finde keinen. Breche im Schnee zusammen. Ich finde mich damit ab zu sterben.
Ich bin ein Niemand. Namenlos. Ohne Identität, ohne Vergangenheit.
Ich muss weinen. Die Tränen gefrieren auf meiner Haut. Als ich dabei bin, das Bewusstsein zu verlieren, höre ich eine eindringliche Stimme: „Erinnere dich."
Aber ich kann mich nicht erinnern. Es wird schwarz.
Die Hütte
Als ich aufwache, liege ich in einem warmen Bett in einer Hütte. Ein Kamin sorgt für Wärme. Draußen wütet der Schneesturm. Die Tür öffnet sich — eine verhüllte, verschneite Gestalt tritt ein. Die Silhouette einer Frau.
Sie setzt sich auf die Bettkante. Erklärt mir, dass sie mich vor Tagen zusammengebrochen im Schneesturm gefunden habe. Ich hätte drei Tage geschlafen. Sie fragt nach meinem Namen. Ich kann nicht antworten. Sie sagt, das sei nicht schlimm — mit der Zeit würde ich mich erinnern.
Was dann geschieht, sprengt den Rahmen. Ich lebe Wochen, Monate in dieser Hütte. Mit ihr.
Es war die längste Zeit, die ich jemals auf einer solchen Reise war. Ich vermute, dass das LSD mein Zeitgefühl extrem durcheinandergebracht hat.
Sie motiviert mich, mich zu erinnern. Irgendwann — es muss Monate später gewesen sein — sind wir in einer großen, eindrucksvollen Stadt namens Fanalia. Zufällig höre ich einen Passanten meinen Namen sagen.
Die Zeit bleibt stehen.
Ich erinnere mich. An meinen Namen. An das, was ich bin. Sie strahlt mich an, freut sich für mich. Aber ich bin nicht froh. Ich habe mich an das neue Leben gewöhnt. Will es nicht aufgeben.
Dann bricht die Welt zusammen. Ich weine. Halte sie fest. Versuche sie nicht loszulassen. Will nicht gehen.
Es hilft nichts. Ich wache in meinem Zimmer auf.
Ich hatte Monate in jener Welt gelebt. Eine komplett neue Identität angenommen. Es war eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens, und ich hätte meinen Namen am liebsten nie erinnert.
Ich liege still. Starre an die Decke. Und sehe: Sie ist dort. Auf dem Poster. Es war dieselbe Person.
Erneut muss ich heulen.
Die Rückkehr
Die Rückkehr war kein einzelnes Aufwachen. Es war eine Serie von Auftauchvorgängen, durchsetzt von Täuschungen.
Je länger ich da liege, desto mehr wird mir klar: Die Namen der Städte, die Menschen — alles stammte aus Film und Fiktion. Parallelen, die ich nicht sehen wollte.
Es muss echt gewesen sein. Wer weiß — vielleicht bildet Fiktion neue Realitäten?
Mundtrockenheit. Durst. Küche. Es ist Nacht, obwohl es gerade Tag war. 3 Uhr.
Dann ein Klopfen. Es ist plötzlich Tag. Ein Kumpel steht vor der Tür.
„Jo, was geht? Alles fit?"
Wir setzen uns. Er stellt Standardfragen — wer ich bin, wo ich bin. Dann die entscheidende Frage:
„Wie viele Leute befinden sich in diesem Raum?"
Er grinst fies. Ich schaue mich um. Nur wir zwei. Aber wenn es nur wir wären, würde er nicht so grinsen. Ich höre Tuscheln. Stimmen, die ich nicht sehen kann.
Dann ist er weg.
Ich bekam es mit der Angst zu tun. Erst verliere sie, dann bin ich auch noch unsichtbar? Ich rufe seinen Namen. Keine Reaktion.
Ich dachte, ich sei gestorben. Wandle als Geist herum. Diese Welt betrachtet mich als etwas Fremdes.
Dann: eine Ameise.
In dem Moment wurde mir klar — ich bin noch hier. Es ist noch nicht vorbei. Keine schöne Welt, aber besser als keine Welt.
Ich warte ab, schaue den Film, aus dem sie stammt — damit ich sie wiedersehen kann.
Es klingelt. Ich suche den Schlüssel, finde ihn, öffne die Tür. Niemand. Ich verschließe alles wieder. Werfe die Schlüssel mit geschlossenen Augen irgendwohin.
Dann höre ich ihre Stimme. Ich schaue hinunter — da steht sie, winzig wie die Zwerge zuvor. Meine Stimme ist weg. Also spreche ich mit Gedanken zu ihr. Es klappt. Wir reden.
Sie sagt, ich solle nicht traurig sein. Dass man sich wiedersieht. Dass Zeit unendlich ist.
Dann löst sie sich lächelnd in Luft auf.
Die letzte Nacht der Zwerge
Erneut Gang und Nacht durcheinander, erneut Menschen, die kommen und verschwinden. Irgendwann klingelt es real — mein Mitbewohner klettert durchs Fenster, weil ich nicht aufgemacht hatte. Ein Fremder ist bei ihm.
Ich sage nur trocken: „Ich rede nicht mit Halluzinationen", gehe in mein Zimmer und schließe ab.
Später rufe ich meinen Mitbewohner an, um mich zu entschuldigen. Er sagt, er sei gar nicht da gewesen. Habe woanders übernachtet, weil ich am Trippen war.
Oh. Okay. Thanks. Must have been hallucinated. Bye.
Erneut beginne ich, der Welt nicht zu trauen.
Mitten in der Nacht dann: mein Zimmer ist ein Heuschreckenparadies. Spinnen und Fliegen überall. Stört mich nicht — bin es gewohnt. Ich mache mir eine Pizza, aber Heuschrecken fressen sie, bevor ich hineinbeißen kann. Wütend mache ich mir eine zweite.
Dann, als wolle er noch einmal Vollgas geben, wird der Trip erneut absurd. Diesmal glich es gänzlich einem Bosch-Gemälde — düster, verrückt, episch.
Mein Zimmer wird zu einer anderen Welt. Miniaturbäume wachsen. Wände werden zu Felswänden. Die Zwerge kehren zurück. Fliegen werden zu Drachen. Fabelwesen tauchen auf.
Ein epischer Krieg spielt sich vor meinen Augen ab. Ich stelle mich auf Seiten der Zwerge. Nach Ewigkeiten siegen wir. Danach chillen wir zusammen.
Es hatte die Anmutung eines Hieronymus-Bosch-Gemäldes — bevölkert, absurd, gleichzeitig komisch und bedrohlich. Eine Welt, die keiner Logik folgt und trotzdem vollkommen überzeugend ist.
Den Rest der Nacht verbringe ich mit den Zwergen. Selbst meine Träume gehören ihnen.
Am Montag, als ich aufwache, sind die Halluzinationen am Abklingen. Insekten noch, absurde Gegenstände, aber sie beginnen zu morphen. Gegen Mittag versuche ich zu schlafen, aber imaginäre Insekten picken mich ständig wach. Irgendwann verliere ich die Geduld.
Die Reise ist vorbei.
Nachwirkungen
In den Tagen danach war ich nicht ich selbst. Die Grenze zwischen Halluzination und Realität hatte sich verschoben — nicht dramatisch, aber spürbar. Jede Wahrnehmung trug eine stille Frage mit sich: Ist das echt?
Ich hatte meine Identität komplett verloren und eine neue angenommen. Hatte Monate in einer anderen Welt gelebt. Hatte geliebt und getrauert — über etwas, das es nie gegeben hat. Oder doch?
Die Normalität kehrte langsam zurück. Aber die Eiswelt verschwand nicht vollständig. Sie lag darunter. Manchmal schimmerte sie durch.
Fazit
Obwohl diese Reise teilweise extrem verstörend war, war es eine der intensivsten Erfahrungen meines Lebens. Sie schaffte es, unglaublich bunt zu sein und dann plötzlich unglaublich düster. Es war das erste Mal, dass ich während eines vollständigen Realitätsverlustes auch einen vollständigen Identitätsverlust erlebte — ohne totalen Blackout.
Was mich am meisten beschäftigt: War es wirklich eingebildet?
Es ist nicht das erste Mal, dass ich wochenlang in einer Halluzination feststeckte. Doch das Erlebte kam mir einfach viel zu real vor, um irreal zu sein.
Ist das jetzige Ich wirklich das richtige Ich? Bin ich Ich? Gibt es mehrere Ichs? Ich weiß nur eines — dass ich dieser Sache auf den Grund gehen werde. Doch vorerst werde ich in dieser Realität ich sein, sofern es so etwas wie eine Realität überhaupt gibt. Was bedeutet schon real?
Harm Reduction — Warum dieser Trip extrem gefährlich war
Kritische Risikofaktoren
- Keine externe Begleitung. Die wichtigste Sicherheitsmaßnahme fehlte vollständig. Bei Bewusstlosigkeit oder medizinischem Notfall wäre niemand zur Stelle gewesen.
- Polydrug-Eskalation unter Einfluss. Die Entscheidung, zusätzlich LSD zu nehmen, fiel bereits unter beeinträchtigtem Urteilsvermögen — ein klassisches Muster bei schweren Zwischenfällen.
- Hochgiftige Pflanzen. Tropanalkaloide (Atropin, Scopolamin, Hyoscyamin) haben eine extrem geringe therapeutische Breite. Die Grenze zwischen wirksamer und tödlicher Dosis ist minimal.
- Kein funktionierender Notfallplan. Zwar waren Notfallmaßnahmen bereitgelegt, aber ohne nüchterne Begleitperson praktisch wertlos.
- Mehrtägige unkontrollierte Wirkung. Bei deliriösen Zuständen mit Bewusstlosigkeit besteht Aspirationsrisiko, Dehydration und Unterkühlung.
Warum Reality-Testing vollständig versagte
Bei Tropanalkaloid-Delirien fehlt das für Psychedelika typische Doppelbewusstsein — das Wissen, dass man sich in einem veränderten Zustand befindet. Das Gehirn konstruiert eine vollständige alternative Realität inklusive emotionaler Plausibilität. Reality-Testing setzt voraus, dass man weiß, dass es nötig ist.
Warnsignale im Bericht
- Vergesslichkeit und Kontrollverlust bereits 20 Minuten nach Wirkungseintritt der Trüffel
- Impulsive Nachdosierung unter beeinträchtigtem Urteilsvermögen
- Unfähigkeit, kohärente Sprachnachrichten aufzuzeichnen (31 Minuten für drei Sätze)
- Vollständige Überzeugung, Halluzinationen seien real
- Mehrtägige Bewusstlosigkeit ohne Aufsicht
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Quellen3 Quellen
- Hallucinogen persisting perception disorder: what do we know after 50 years? — Halpern JH, Pope HG Jr. Drug and Alcohol Dependence (2003)DOI: 10.1016/s0376-8716(03)00073-0
- The psychedelic experience and its neural correlates — Carhart-Harris RL, Friston KJ. Scientific American Mind (2019)
- Harm reduction in the real world: psychedelic crisis intervention and integration support — Gorman I et al. Psychopharmacology (2021)DOI: 10.1007/s00213-021-05881-0